Hintergrund

Das schlafende Mädchen

KÜNSTLERFILM / FILMKUNST

Anmerkungen zu Stil und Setting

Die psychologische Bewegung der Geschichte von Das schlafende Mädchen spiegelt sich im dokumentarischen Stil des Films wider, der organischer Bestandteil der Erzählung ist. Wir durchleben das Geschehen über Hans’ Blick darauf, jedem Bild ist sein künstlerischer Wille aufgeprägt – es ist Hans’ Film, den wir sehen. Die dramatische Handlung ereignet sich an der Reibungsstelle zwischen Hans’ Absicht und dem Unvorhergesehenen, das ohne – und oft gegen – sein Zutun eintritt. So erzählt der Film von Hans’ Kontrollverlust über seine Inszenierung, wir nehmen teil an einem Kampf um die Hoheit über die Bilder, einem Kampf mit der Wirklichkeit des Ereignisses, dessen zentrale Gestalt Ruth ist.

Hans’ künstlerisches Programm ist dabei kein dokumentarisches: als Aktionskünstler ist er Protagonist seiner Bilder, in seinen Selbstinszenierungen untersucht er elementare Eigenheiten des Mediums – Figur im Raum, Verhältnis von Bildraum zu realem Raum – und seine eigene Beziehung dazu. Er erschafft sich selbst als melancholisch-ironische, Buster-Keaton-artige Kunstfigur, die den Widrigkeiten der Realität mit stoischer Duldung begegnet und so in der Konsequenz ganz wirklich zum Spielball wird. Hans’ Film ist also immer auch ein Projekt der Selbsterforschung, in dem die Differenz zwischen Kunstfigur und realem Hans den Funken zur dramatischen Handlung schlägt.

In der Wahl der Stilmittel hält sich Hans’ Film eng an den ästhetischen Kanon der frühen 1970er Jahre. Das schlafende Mädchen ist eine Kompilation von Sequenzen, die sich zu einer fragmentarischen, nicht durchgehend linearen Erzählung fügt. Der Eindruck der Diskontinuität wird durch den Einsatz von Zwischentiteln noch verstärkt. Innerhalb der Szenen wird mit wenigen Schnitten operiert, die eigentliche Aktion ist oft von deren Vor- oder Nachbereitung gerahmt, so dass ein ‚Film-im-Film‘-Effekt entsteht. Viele Sequenzen zeichnen sich durch weitgehende Abwesenheit von Dialog aus, das Bild als solches, die Körpergeste, bestimmte Props / Objekte sind als Bedeutungsträger der Sprachäußerung gleichgestellt, so dass Hans mit seiner Arbeit einem Ideal der Zeit recht nahe kommt: dem ‚Film als Film’.

Auch in der Gestaltung der Aktionen hat Das schlafende Mädchen einen engen zeitgeschichtlichen Bezug. Ende der 1960er Jahre entstand aus der Minimal Art eine neue Form der Aktionskunst, die sich von Beuys’ Fluxus-Kunst und dem Wiener Aktionismus durch ihren analytischen, antiexpressiven Ansatz unterscheidet. Zum Programm dieser Kunst gehört die filmische Erforschung der Figur im Raum ebenso wie das Experiment mit dem eigenen Körper. Die Selbstverletzungsaktionen von Künstlern wie Chris Burden und Gina Pane, vor allem aber das Werk des früh verstorbenen holländischen Künstlers Bas Jan Ader, dessen kunsthistorische Bedeutung erst in jüngster Zeit erkannt wird, haben großen Einfluss auf dieses Projekt.

Dokumentarmaterial I: Beuys an der Kunstakademie Düsseldorf

Als Filmstudent an der Kunstakademie Düsseldorf hielt der Frankfurter Künstler und Filmemacher Hans-Peter Böffgen 1971/72 Ereignisse um die Entlassung von Professor Joseph Beuys aus der Akademie auf Schmalfilm fest. Sein Material, das bisher nicht veröffentlicht wurde, steht uns für unser Projekt zur Verfügung. Dies freut uns umso mehr, als Böffgens Arbeit sich – anders als professionelle Dokumentationen aus der Zeit – filmsprachlich besonders organisch in die Arbeit des jungen Kunststudenten Hans einfügt.

Setting: Musik und Szenenbild

Der Beginn der 1970er Jahre markiert einen Umbruch im Lebensgefühl, der allgemein als Sixties Aftermath beschrieben wird. Während die Hippie-Ästhetik der 60er nun massiv in den Mainstream Einzug hält und dort allmählich verbiedert, weicht in der so genannten Subkultur die Euphorie der vorangegangenen Jahre einer skeptischen Grundstimmung, die sich bis in die intimen Beziehungen hinein abbildet. Nicht ohne Grund ist die Liebesgeschichte zwischen Ruth und Hans denkbar weit entfernt von dem Blümchenbild, das wir mit dem Summer Of Love assoziieren.

Mit der Atomisierung der „Szene“ am Ende der 60er Jahre, der eintretenden Scheidung utopischer Lebensvorstellungen in „politische“ und „private“, geht eine produktive Diversifizierung der künstlerischen Stile in Musik, Mode und Kunst einher. Besonders sinnfällig wird das in der Musik, wo die 60er-Psychedelik jetzt Anleihen bei Klassik und Jazz macht und sich zum Prog Rock weiterentwickelt (The Soft Machine), wo der Rock’n’Roll in subkulturellen Zentren wie Detroit an Härte zunimmt und sich eine Art proto-Punk herausbildet (Iggy Pop And The Stooges) und wo die Elektronik aus der E-Musik in den Pop hineinwandert (Silver Apples, Can, Kraftwerk).

Zugleich hat sich die gegen Mitte der 60er geborene Vermählung von Pop und Kunst (Andy Warhols Factory, The Velvet Underground) als stabiles Modell erwiesen, in deren Folge der Hippie-Tanztempel mancherorts zum Gesamtkunstwerk wird. Die in Deutschland wichtigste Location dieser Art ist das Düsseldorfer Creamcheese (s.u.), in dem das Bedürfnis nach psychedelischer Entgrenzung auf den Genuss aktuellster zeitgenössischer Kunst trifft.

Das schlafende Mädchen wird einen Eindruck der Epoche wiedergeben, der sich an diesen kulturellen Entwicklungen orientiert. Nicht zu erwarten ist also ein konventioneller Retro-Film, der die frühen 70er Jahre als Panoptikum bunter Hippies inmitten der Prilblumen-Mainstream-Ästhetik der Zeit präsentiert. Uns interessiert im Gegenteil das bis heute Aktuelle dieser kulturellen Umbruchphase. In der musikalischen und der szenischen Gestaltung schafft der Film eine Atmosphäre, die überraschend modern anmutet und sich mit der Geschichte, die der Film erzählt, zu einem zeitlosen Gesamtbild verdichtet.

Dokumentarmaterial II: das Creamcheese

Ferdinand Kriwet, Medienkunst-Pionier und wichtiger Vertreter der deutschen Pop Art, erhob Anfang der 1960er Jahre mit seinen akustischen Montagen die Gattung Hörspiel in den Rang der Avantgardekunst. Seine grafischen Textarbeiten gehören zu den herausragenden Werken der Konkreten Poesie. Neben zahlreichen anderen Ausstellungen weltweit nahm er an der documenta 6 und 8 in Kassel teil.

An dem Künstlerprojekt Creamcheese war Kriwet maßgeblich beteiligt, er entwarf u.a. das öffentliche Erscheinungsbild der Diskothek. Wir freuen uns, dass wir seine Original-Projektionen aus dem Creamcheese in Das schlafende Mädchen zeigen dürfen und so auch das Szenenbild des Projekts um eine wichtige dokumentarische Referenz bereichern können.

Ebenfalls wird das Szenenbild des Projekts mit dem Experimentalfilm “Markeneier” des Filmemachers und Creamcheese-Künstlers Lutz Mommartz um eine wichtige dokumentarische Referenz bereichert.

Historische Aufnahmen aus dem „Creamcheese“. Projektion: Ferdinand Kriwet.
Historische Aufnahmen aus dem „Creamcheese“.
Projektion: Ferdinand Kriwet.

Historische Aufnahmen aus dem „Creamcheese“. Projektion: Ferdinand Kriwet.

Ferdinand Kriwet Rundscheibe Nr. XII, 1968

Ferdinand Kriwet
Rundscheibe Nr. XII, 1968

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